Lebenserfahrung und Lebensphilosophie
Ohne es bewusst zu wollen, hatte ich schon früh das Gefühl, dass ich meinen Lebensunterhalt mit meinen Leidenschaften verdienen würde. Und das war definitiv etwas Kreatives mit Kunst und Musik, gepaart mit einem rationalen Sicherheitsgefühl, das mir garantierte, dass ich kein totaler Traumtänzer sein würde.
Um nicht schon in jungen Jahren musikalisch auf die schiefe Bahn zu geraten, versuchten mich meine Eltern mit dem “Blauen Album” der ‘Beatles’ zu sozialisieren - mit mäßigem Erfolg. Wenigstens waren es nicht die ‘Rolling Stones’. Etwa zur gleichen Zeit - 1978 - hörte ich als Zwölfjähriger in einer progressiven Radiosendung “Warm Leatherette” von ‘The Normal’, alias Daniel Miller, der zwei Jahre später ‘D.A.F.’ und ‘Depeche Mode’ bei seinem Label ‘Mute’ unter Vertrag nahm. Im Nachhinein hat das wohl zumindest mein musikalisches Leben verändert. Denn damals hörte ich noch englischen ‘Punk’, ‘Kiss’ und ‘AC/DC’. Aber ‘The Normal’ war ‘Techno’, zehn Jahre bevor es dieses Genre überhaupt gab. Instrumente waren obsolet.
Mangels eines wohlhabenden Elternhauses, aber mit einer guten Erziehung, finanzierte ich mir während der Gymnasialzeit meine Hobbys - in erster Linie den Kauf von Schallplatten - mit Aushilfsjobs, wie z.B. in der Drucksachen-Verwurfstelle der Post, als technischer Zeichner für Buchillustrationen, am Sammelhefter einer Druckerei oder durch das Entfernen von Estrichböden mit dem Presslufthammer in Fabrikhallen.
Aufgrund des Numerus clausus für den Studiengang Kommunikationsdesign in Darmstadt musste ich nach Abitur, Bundeswehr (nach sieben Monaten verweigert) und Zivildienst ein Jahr warten, bis ich mein potentielles Studium beginnen konnte. Diese Zeit überbrückte ich mit Jobs als freier Grafiker in Werbeagenturen, als Musikzeitungsredakteur und als DJ. Im Nachhinein waren das wohl die Gründe, die eine akademische Laufbahn verhindert haben, was wahrscheinlich auch besser so war. Jedenfalls habe ich danach nie wieder eine Lehre, ein Praktikum oder ähnliches im klassischen Sinne begonnen, war nie angestellt und habe bis heute auch keine einzige Bewerbung geschrieben. Die Selbstständigkeit, die im Erfolgsfall immer auch eine gesunde Eigenverantwortung mit sich bringt, hatte aber nicht nur Vorteile. Permanente Disziplin fördert Kompatibilitätsprobleme.
Als ich Anfang 1990 als Gestalter des Musikmagazins, für das ich schon vorher geschrieben hatte, nach Hamburg ging, bedeutete das auch den Abschied von einer prägenden Zeit der elektronischen Musik in der Stadt Frankfurt und im Rhein/Main-Gebiet, die Schmelztiegel und Nährboden der späteren ‘Techno-Kultur’ waren. Insbesondere der Club ‘Dorian Gray’ unter dem Frankfurter Flughafen, die neuen Sounds und die beginnende ‘DJ-Kultur’ haben mich ab 1983 nachhaltig in meiner späteren Lebensplanung beeinflusst.
Aus dem Musikmagazin wurde die eigene Werbeagentur. Aber die Idee, auch andere auf eine musikalische Reise mitzunehmen, ließ mich nicht mehr los. Allen Ratschlägen zum Trotz stieg ich (wieder) in das oft unseriöse DJ-Business ein. Diesmal jedoch mit dem Wissen über diese spezielle Nische der Musikindustrie und einem autodidaktischen Marketing-Know-How, um die Dienstleistungen, die ich bisher für Dritte erbracht hatte, nun ausschließlich auf das eigene Projekt anzuwenden.
Meine Abstinenz von jeglichen bewusstseinserweiternden Mitteln - wohl begründet durch eine übergroße Angst vor Kontrollverlust - ließ und lässt mich als eine Art teilnehmender Marktforscher die Scheinheiligkeit der Subkultur in der DJ- und Dance-Szene besonders gut wahrnehmen. Eine Szene, in der ein von Minderwertigkeitsgefühlen getriebener Ehrenkodex aus Lastern und Süchten mehr Zusammenhalt garantiert als Kreativität und Zielstrebigkeit. Mit dem Stempel “Popkultur” auf der Stirn lässt sich hier Talentlosigkeit offenbar besonders gut kaschieren, und Laster werden gerne mit Tugenden verwechselt. Für Außenstehende hat der Begriff Subkultur immer noch etwas Mystisches, Unerklärliches. Das Gefühl der Nichtzugehörigkeit lässt sich aber durch Erfolg gut kompensieren.
Mit dem Club- und Chart-Hit “For You” kam dann endgültig der Erfolg mit der eigenen Musik. Wobei DJ-Musik meistens nur eine Verwertung ist, wenn auch heute als “richtige” Musik anerkannt. Doch genau hier stellte sich für mich die Sinnfrage. Denn “For You” war Fluch und Segen zugleich. Plötzlich kamen viele neue Gäste scheinbar nur wegen dieses Titels. Das wollten sie hören, alles andere war für einige offensichtlich nur Beiwerk. Meine Philosophie als DJ war aber immer, interessierte, unvoreingenommene Gäste in neue musikalische Welten zu entführen, die sich schon gegen die Musik der letzten Woche abgrenzten. Und da standen Eigenproduktionen nicht im Vordergrund. Anerkennung für das DJ-Set, nicht für eigene Singles. Ich habe oft gedacht, wie langweilig es wäre, wenn ich als Band auf Tour immer nur meine eigenen Songs spielen müsste.
Was tun? Sich den Erwartungen eines Teils der Zielgruppe, der Clubs und der Plattenfirmen beugen und weitere “For Yous” produzieren (was übrigens leichter gesagt als getan ist)? Oder seinem Idealismus folgen, sich treu bleiben und sich damit indirekt selbst einschränken? Diese Frage haben sich an dieser Stelle schon viele gestellt. Und es gab sie ja auch schon, die DJ-Popstars, die den Club mit der Bühne getauscht hatten. In meinen Augen der Anfang vom Ende einer glaubwürdigen DJ-Kultur. Aber auch einfach der Lauf der Dinge.
An dieser Stelle eine fast repräsentative Anekdote, bei der sich jeder selbst Gedanken zum Stand der Clubkultur machen kann: Ein weiblicher Gast um die 30 kommt um ca. 02:00 ans DJ-Pult.
Sie: “Muss man das kennen, was du da spielst?”
Ich: “Nein, nicht unbedingt”
Sie: “Und warum spielst du das dann?”
Inzwischen bin ich der Meinung, dass der DJ nur noch ein Nebenprodukt der Technologie seiner Zeit ist. Er schafft sich praktisch selbst ab, bzw. wird durch Maschinen ersetzt. Denn es ist eine Illusion zu glauben, dass das, was heute ein Mensch in der Disco oder auf Großveranstaltungen präsentiert, nicht auch eine KI könnte. Wahrscheinlich kommen die meisten sowieso eher wegen der hochtechnisierten Holografie-, Laser- und Lightshow. Das nennt man wohl Zeitgeist.
Um aber den ursprünglichen Gedanken dieser Entwicklung zu bewahren, fühle ich mich berufen, die Geschichte der elektronischen Musik, der DJ- und Clubkultur in meinem Dokumentationsprojekt ‘Welcome To The Robots’ zu kuratieren. Durch die Analyse dieses jugendkulturellen Beispiels ist der Weg nicht weit zur Betrachtung des allgemeinen gesellschaftlichen Verhaltens in einer digitalen Konsumwelt. Musik ist nicht nur Inspiration, sondern auch Ablenkung.
Die Digitalisierung macht es heute möglich, immer und überall mehr oder weniger jede verfügbare Musik zu hören. Ähnlich wie bei mittlerweile allen Sinneswahrnehmungen, fällt es immer leichter, den Realitäten zu entfliehen, indem man durch technische Möglichkeiten lieber am Leben anderer teilnimmt, anstatt sich der Komplexität des eigenen Daseins und der Umgebung zu widmen. Da sich meiner Meinung nach alle Probleme dieser Welt aber auf die Knappheit des Vorrats an Glück zurückführen lassen, sollte man seine Energie konsequent auf das Fördern dieser Ressource verwenden. Es scheint aber, dass wir das Risiko des Scheiterns lieber vermeiden, weil die Alternativen so offensichtlich sind. Lieber arbeiten wir wohl daran, dort hinzukommen, wo andere schon sind. Technische Errungenschaften wie das Statussymbol Handy haben nur einen kurzen Vorsprung geschaffen, bis alle wieder auf dem gleichen Stand waren, nur gestresster. Das ist menschlich, aber die Möglichkeit, alles Überflüssige aus der Welt live zu konsumieren, raubt immer mehr Zeit für eigene Ideen. Ein historisch belegter Wettlauf der Gier und des Fortschrittsstrebens einer Wohlstandsgesellschaft mit offenem Ausgang. Im Nachhinein bin ich froh, dass wir uns während unserer damligen Schulzeit zwischen 13:00 und 18:00 Uhr mangels Inhalten auf den vorhandenen und noch nicht vorhandenen Bildschirmen langweilen durften.
Es wird angenommen, dass die Beherrschung des Feuers zum Kochen vor etwa 200.000 Jahren zum letzten Mal zu einem exorbitanten Wachstum des menschlichen Gehirns geführt hat. Das lag daran, dass der Mensch ab diesem Zeitpunkt nicht mehr den Großteil seiner Energie für die Verdauung von Pflanzen benötigte. Dieses System 2.0 haben wir seit dieser Zeit mehr oder weniger unverändert. Ich glaube, für eine glückliche digitale Welt bräuchten wir eigentlich ein System 3.0. Ich glaube auch, dass dieses alte Gehirn nicht wirklich für virtuelle Welten geschaffen ist. Die Technik überholt zum ersten Mal den durchschnittlichen Verstand.
Man kann sich die Werkzeuge, die einen umgeben, nicht mehr wirklich erklären. Und als wäre das nicht schon komplex genug, sind Software und Clouds mittlerweile wichtiger als die Hardware in der Hand. Was passiert hinter dem Display eines Smartphones und wie funktioniert welcher Algorithmus? Wer nichts weiß, muss bekanntlich alles glauben. Und obwohl Unabhängigkeit in einer eigentlich aufgeklärten Gesellschaft ein hoher Wert ist, sind wir im Grunde von der Technik abhängig, die uns kontrolliert und nicht umgekehrt.
Glauben und Kritik an neuen Systemen hat es immer gegeben. Aber noch nie gab es eine Technikgläubigkeit wie heute, weil das digitale Verständnis fehlt. Die Angst, es zuzugeben oder Außenseiter zu sein, spielt dabei eine große Rolle. Die größte Herausforderung ist jedoch, dass es sich bei dieser mächtigen, globalen Technologie fast ausschließlich um privatwirtschaftliche Geschäftsmodelle einiger weniger Konzerne handelt, die von Staat und Gesellschaft weder kontrolliert noch reguliert werden, sondern in der Regel wachstumsorientierte Aktiendepots bedienen müssen.
Gottlieb Daimler und Kaiser Wilhelm stellten Anfang des 20. Jahrhunderts noch naiv in Frage, ob sich das Automobil durchsetzen würde, weil in einer Welt der Kutscher und Chauffeure angeblich niemand selbst am Steuer sitzen wolle. Setzt sich KI durch? Diese Frage stellt sich heute niemand mehr, denn sie wird sich schneller durchsetzen, als wir glauben. Sie hat bereits Schuberts Siebte und Beethovens Zehnte unvollendete Sinfonie vollendet, ohne dass jemand gemerkt hätte, dass es eine Maschine war. Leider bauen IT und KI keine Häuser, aber sie machen Arbeitsplätze für geistige Routinearbeit überflüssig. Immerhin kann dieses Potenzial dann wieder in handwerklichen Berufen Wohnungen bauen. Es ist nur eine Frage der Zeit.
Wer hätte gedacht, dass der Bordcomputer ‘HAL 9000’ aus dem 1968 gedrehten Film “2001: Odyssee im Weltraum” einmal Wirklichkeit werden würde - von George Orwell ganz zu schweigen? ‘HAL 9000’ übernahm die Kontrolle über das Raumschiff, nachdem er wie eine KI eigene Missionsziele entwickelt und mit einem Flug ins Nirwana auch umgesetzt hatte. Sehenswert sind in diesem Zusammenhang auch die Filme “Idiocracy” (2006), “The Social Dilemma” (2020) und natürlich “Don’t Look Up” (2021). Meine Befürchtung ist allerdings, dass aufgrund der selektiven Wahrnehmung solche Lehrbeispiele vor allem von denjenigen gesehen werden, die sich ohnehin schon kritisch mit der Materie auseinandersetzen.
Der ‘Confirmation Bias’ in der Filterblase - also die Bestätigung der eigenen Meinung durch die zwangsläufige Nichtwahrnehmung anderer Meinungen - führt bei der Nutzung moderner Social Media Software-Technologien zu selbsternannten Experten und Hobbypsychologen für Gesundheit, Waffen und Klima, die eine faktenbasierte Auseinandersetzung nahezu unmöglich machen. Es geht nicht mehr um Wahrheit, sondern darum, Recht zu haben. Und das, obwohl von den meisten Themen die wenigsten persönlich betroffen sind. Ein Nebeneffekt der Vereinsamung durch Selbstinszenierung in sozialen Netzwerken ist ein messbarer Mangel an Psychotherapeuten und entsprechend lange Wartezeiten.
Der Weg aus dem Kampf gegen den eigenen Pessimismus oder die eigene Misanthropie, die Frage nach dem Sinn des Wachstums und die unbefriedigende Annahme, in einer immer oberflächlicheren Welt mit falschen Idealen und Werten zu leben, führt bei mir immer über nachhaltige Erlebnisse in der realen Welt. Lange zurückliegende, aber grundlegende Erfahrungen waren viele, oft sehr mühsame Reisen per Anhalter durch Europa in den 80er und 90er Jahren. Oft kam man da an, wo der Fahrer eben hinfuhr, selbst wenn man von da erst nach vielen Stunden oder gar Tagen weiterkam. Nichts war planbar, der Umweg war die Regel. Verpflegung fiel mangels Verfügbarkeit oft aus. Improvisation durch Unvorhersehbares war die positive Lehre daraus. Und vor allem, dass es keine teuren Pauschalreisen in die Ferne braucht, um Abenteuer zu erleben und Land und Leute kennen zu lernen. Selbst die alternativen Inter-Railer waren für uns damals risikoscheue Konservative.
Durch das Privileg, die Zeit und die finanziellen Mittel zu haben, schaffe ich mir heute die Möglichkeit, Dinge, die man sonst eher über die Medien wahrnimmt, persönlich und anfassbar zu erleben. Ich finde es wichtig, den Boden von Ländern wie Nordkorea, Tibet, Nepal, China, Russland oder der Antarktis mit eigenen Füßen zu betreten, um die Medien zu relativieren und sich der eigenen Rolle, der eigenen Privilegien und des eigenen Wohlstands bewusst zu werden. Genauso wichtig war es mir, die atomverseuchte Stadt Prypjat bei Tschernobyl in der Ukraine mit eigenen Augen zu sehen oder den Jakobsweg zu gehen. Interessanter finde ich auch die Wetter- und Lichtverhältnisse, die in Ländern wie Island oder Alaska, auf Spitzbergen oder am Nordkap die Regel und nicht die Ausnahme sind. Nämlich fast völlige Dunkelheit und extreme Minusgrade. Also dann, wenn alle anderen nicht da sind, weil es nicht der allgemeinen Vorstellung von Urlaub entspricht. Reisen bildet und man wird sich der Problematik bewusst, die der Philosoph Wittgenstein einmal treffend formuliert hat: “Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.”
Bei aller Kritik am eigenen Land führt das Reisen in der Regel dazu, dass ich in kaum einem Land lieber leben würde als in Deutschland. Oft muss ich über schlecht gelaunte Anzugträger bei der Ankunft am Frankfurter Flughafen schmunzeln, nachdem ich am Tag zuvor noch fröhlichen Menschen im armen Swasiland begegnet bin. Hier hat man wohl vergessen, dass Geld eigentlich nur in Form von mit Gesichtern bedruckten Scheinen erfunden wurde, damit sich die Menschen auf der Suche nach Nahrung nicht umbringen.
Bei dem Wohlstand der meisten Menschen in unserem Land können wir uns theoretisch auf allen Ebenen unbequeme, analoge Umwege wie beim Anhalter-Fahren leisten und damit unser Gehirn auf Trab halten, improvisieren, relativieren und objektivieren. Also quasi eine Arbeit am gesunden Menschenverstand als Voraussetzung für ein fundiertes Urteilsvermögen und als eine Art Gegenentwurf zum denkfaulen Analphabeten mit Internetanschluss.
Außerdem kann man dabei lernen, sich auf unangenehme infrastrukturelle Veränderungen vorzubereiten, an die wir uns auch bei uns gewöhnen müssen. Ein Gewohnheitsrecht auf Wohlstand war gestern, auch wenn man in der Gesellschaft immer noch ein wachsendes Anspruchsdenken wahrnimmt, das aber längst nicht mehr den aktuellen Entwicklungen in der Wirtschaft, dem Klimawandel und den allgemeinen Realitäten entspricht.
Mehr in der Realität sein. Die Medien - vor allem die sozialen Medien - verzerren maximal, weil nie erwähnt wird, was nicht passiert. Und das sind in der Realität 95 Prozent. Kein Film berichtet über die 23 Stunden am Tag eines Protagonisten, in denen höchstwahrscheinlich nichts passiert. Je mehr Medien wir konsumieren, desto subjektiver wird unsere Wahrnehmung, desto schlechter wird unsere Selbstwahrnehmung. Nicht-Ereignisse relativieren.
Aber wirklich unerträglich ist der Gedanke, dass bei der eigenen Beerdigung die falsche Musik läuft.
R.
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